Die Zone à défendre ZAD und der weltweit entfesselte Krieg gegen alternative Lebensmodelle

Ein Kommentar von Hervé Kempf (Journalist, Gründer und Redakteur der ökologisch ausgerichteten Internet-Tageszeitung Reporterre; http://www.reporterre.net)

2 500 Polizisten, mobile Einheiten, Panzerwagen, Hubschrauber, vergitterte
Polizeiwagen und dazu einige hundert mobile Einheiten in den Städten Nantes
und Rennes: am Montag, den 9. April 2018 befindet sich Frankreich im Krieg.
Gegen wen? Gegen einige hundert Menschen, die in einem ökologisch wertvollen
Feuchtgebiet leben, wo sie Brot und Bier produzieren, Gemüse anbauen, schreinern,
diskutieren, lesen, kommen und gehen. Der französische Militärapparat, der in Mali,
Syrien, im Irak interveniert, ohne dass das Parlament darüber debattiert hat, was ein
Verstoss gegen Artikel 35 der Verfassung ist, dieser Apparat macht sich nun also
daran, sich über Notre-Dame- des-Landes herzumachen.
Man versteht die allzu offensichtliche Logik dieser Operation, alles weist darauf hin,
dass man darin die eiserne Demonstration eines Wahns sehen muss: Nachdem man
nach einem ausgedehnten, über Jahrzehnte geführten populären Kampf im Januar
2018 zurückweichen und das Projekt eines Großflughafens in Notre-Dame- des-
Landes fallen lassen musste, will die Regierung jetzt ihre Stärke demonstrieren,
indem sie die vermeintlich „illegalen“ Besetzer vertreibt. Das aber widerspricht allen
Auflagen, die solcherart Räumungen begleiten müssen; die Regierung Macron
verwirft ohne Diskussion die Vorschläge zu einer kollektiven Nutzung dieser seit 10
Jahren von den Besetzern kultivierten Böden. Und sie hat selbst keinen Vorschlag für
Projekte, die dieses ökologisch sensible, einmalige Gebiet erhalten würden, so wie
es jene seit Jahren tun, die die Herrn Macron, Philippe, Colomb und Hulot nun
verjagen wollen.
Dieses brillante Quartett kann nun unwidersprochen dank der Medien in Händen
von Großunternehmern der öffentlichen Meinung zeigen, was Ordnung heißt und
worauf sich die brodelnden diversen sozialen Bewegungen in diesem Land einstellen
müssen.
Das Missverhältnis bei den in der ZAD eingesetzten Mitteln der Gewalt ist jedoch
auch ein Indikator dafür, dass die dort entwickelten Modelle die neoliberale Ordnung
bedrohen, deren brutale Verkörperung Macron und seine Minister sind. Die
Möglichkeit anders zu leben, sich um Kooperation statt Konkurrenz zu bemühen, sich
ohne Hierarchien zu organisieren, Konflikte ohne Polizei und Justiz zu regeln,
gemeinsam und in Harmonie zu teilen, was man Natur nennt, sich anständig zu
ernähren, aus der Unterwerfung unter das Geld herauszutreten. Ob man das
schaffen wird in der ZAD, es ist ungewiß. Aber man hat es versucht es ernsthaft zu
schaffen und vieles beweist, dass es eine wunderbare Alternative gibt, ein offenes
Fenster in der erdrückenden Mauer des Kapitalismus.
Aber man muss auch über diesen Horizont hinaus sehen und die Zusammenhänge
erkennen: was nun in der ZAD vor sich geht, ist Teil eines allgemeinen, weltweiten
Krieges der Oligarchie gegen die Völker. Und mehr und mehr entwickelt sich auch
Europa in Richtung dieses neuen Modells einer autoritären Oligarchie.
Eine Zahl mag verdeutlichen, dass es nicht allein um einen sozialen Kampf geht,
sondern um einen Krieg über die Zukunft der Menschheit und einen Planeten, der
zur Beute geworden ist in einer historisch einmaligen ökologischen Krise:

Ein Prozent der reichsten Menschen auf dem Planeten sind verantwortlich für den
Ausstoß von 80 Tonnen CO2 jährlich, das ist neun Mal mehr als die gesamte
Bevölkerung weltweit (6,2 t). Anders gesagt, die Reichsten verschmutzen die Umwelt
am stärksten. Angesichts des gravierenden Klimawandels und seiner
vorhersehbaren Auswirkungen, muss man sagen, dass diese Umweltverschmutzer
mit ihren 80 Tonnen CO2 Ausstoß jährlich wirklich Kriminelle sind. Das, was diese
Oligarchen vorantreiben, ist mit allen Mitteln ein System aufrechtzuerhalten, das dem
Allgemeinwohl entgegen steht. Denn die zentrale Frage zu Beginn dieses
21.Jahrhunderts ist die ökologische Frage, von deren Beantwortung hängen die
zukünftigen Lebensbedingungen der Menschheit ab.
Es ist beinahe schon eine Ironie des Schicksals, dass ihre Attacke nun genau gegen
jene zielt, die auf eine Weise leben, die nicht dem Klima schadet. Genau darum sind
auch Monsieur Macron, Monsieur Philippe, Monsieur Colomb und Monsieur Hulot
Kriminelle, die die Interessen derjenigen vertreten, auf deren Konto 80 Tonnen CO2
pro Jahr gehen – genau deshalb muss man die ZAD verteidigen.

Im Original: https://reporterre.net/La-Zad-et-la-guerre-civile-mondiale

(Übersetzung: Ruth Jung)

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